Updates aus dem Weingarten – Rebschnitt mit Claus Preisinger

REBSCHNITT MIT CLAUS PREISINGER

Oft fühlt es sich so an, als würden unsere Weine zu irgendeinem willkürlichen Zeitpunkt im Kalenderjahr einfach auftauchen. Dann gibt es endlich wieder mehr von unseren persönlichen Lieblingsweinen. Doch was steckt dahinter? Wie ging es den Trauben beim Reifen an den Rebstöcken? Und welche Arbeiten müssen unsere Winzerinnen und Winzer über das Jahr hinweg absolvieren, um uns zum Schluss so wunderschöne Weine liefern zu können?

Zu diesen Themen tauschen wir uns auch immer gerne mit unseren Winzer*innen aus. Wir wollen euch diese Infos nicht vorenthalten und euch auch an den Backstage-Infos der 8gb.-Rockstars teilhaben lassen.

Im Herbst nach der Lese lässt man den Weingarten mal ein paar Monate lang in Ruhe und gibt ihm Zeit, sich zu regenerieren. Und dann? Im nächsten Teil der Serie Updates aus dem Weingarten geht es also um den Schritt nach der Erholungsphase – also um die Vorbereitung auf einen neuen Jahrgang und den ersten (und für viele wichtigsten) Schritt, mit dem man den Grundbaustein für die Wachstumsphase setzt: den Rebschnitt. Das Thema ist ziemlich komplex, und deswegen haben wir uns mit Claus Preisinger darüber unterhalten und für euch das Wichtigste mitgeschrieben.

Doch bevor es losgeht, lies dir doch auch die letzten beiden Updates aus dem Weingarten durch. Jonas Brand hat uns von der Grünarbeit berichtet und mit Piri haben wir uns über die Ernte der Trauben unterhalten.

Schnapp dir ein Gläschen Kalkundkiesel und schon kann’s losgehen!

Rebschnitt?

Der Rebschnitt ist der erste Schritt im sogenannten Vegetationszyklus. Doch was bedeutet das denn überhaupt? Claus hat es für uns auf einen Satz heruntergebrochen:

“Der Rebschnitt ist der Rückschnitt des einjährigen Holzes und gleichzeitig das Pflegen der Qualität und des Ertrages für das nächste Jahr und die nächste Ernte.”

Soweit so gut, achja und “einjähriges Holz” ist Winemaker-Jargon für die Triebe, die letztes Jahr gewachsen sind und über den Winter verholzen. Also aus grün mach Holz sozusagen. Wie genau das jetzt aber funktioniert? Kein Grund zur Sorge, wir haben Claus einige Löcher in den Bauch gefragt. 

8gb: Warum schneidet man denn überhaupt die Reben zurück und lässt sie nicht einfach weiterwachsen?

Claus: Das ist eine gute Frage, weil grundsätzlich könntest du die Pflanze ja auch einfach wachsen lassen. Das nennt man “non-pruning System”, gibt auch manche Kolleg*innen, die das verwenden. Ich persönlich sehe da die Rebe schon eher als Kulturpflanze, die man pflegen muss, um eine gewisse Qualität zu generieren und dafür ist der Rebschnitt bzw. der sanfte Rebschnitt meiner Meinung nach schon sehr, sehr wichtig. Damit lege ich für’s nächste Jahr den Ertrag und das Wachstum fest, und das ist eine sehr essentielle Arbeit.

Sanfter Rebschnitt

Das kommt vom Gedanken des wundarmen Rebschnitts um so sicherzustellen, dass die Saftbahnen in der Rebe nicht vertrocknen. Die Preparatori d’Uvi – Simont & Sirch beschäftigen sich seit den 80ern mit dem Thema und teilen ihr Wissen mit Winzer*Innen auf der ganzen Welt, sie sind mehr oder weniger der Grund, dass diese Praxis heute so weit verbreitet ist. Claus, wie würdest du den sanften Rebschnitt erklären?

Claus: Beim sanften Rebschnitt behält man immer den Saftfluss im Auge und schaut, dass man nicht den Weingarten über einen Kamm schert, sondern jeden Stock individuell betrachtet. Das heißt, ich steh davor und schau mir an: Was war im Vorjahr? Wieviele Triebe hat der überhaupt gehabt? Wie ist die Holzqualität? Steht der im Saft? Dann kann ich der Rebe mehr Knospen lassen. Oder hat der nur 3 so halbe Triebe, dann schneide ich ihn besser ein Jahr zurück, verzichte dann sogar komplett auf einen Ertrag, dafür hab ich dann im Folgejahr zwei gesunde Triebe, auf die ich dann aufbauen kann für die Zukunft.

Also du betrachtest wirklich jeden Stock individuell. Was war heuer? Wie war die Wüchsigkeit? War die gut, war sie schlecht? Und daraus resultierend entscheide ich dann, kann ich ihm vier, sechs oder zehn Knospen lassen.

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Auf dem Bild siehst du übrigens wie ein Stock nach der Ernte aussieht. Jetzt schaut man sich die Gesundheit der Rebe an und entscheidet, wie viele Triebe sie nächstes Jahr bekommen soll. Und dann wird geschnitten!

8gb: Wie schön, man beschäftigt sich also wirklich mit der Gesundheit jeder einzelnen Rebe! Woher kommt denn eigentlich der sanfte Rebschnitt?

Claus: Was Simonit & Sirch herausgefunden haben ist ja eigentlich nichts Neues. Die haben sich die Frage gestellt, warum diese Bush Wines, diese alten Reben in Süditalien, Frankreich oder Katalonien so alt geworden sind – also knapp 100 Jahre alt. Und wenn man sich das anschaut, wie die erzogen wurden, diese “Alberello Kultur”, wo man oben fünf Knospen hat mit je einem Zapfen – da ist nie ein Schnitt ins alte Holz (älter als drei Jahre) passiert.

Ich habe in der Schule noch gelernt, dass man zurückschneidet, egal was passiert und wie groß die Wunde ist, und von mir aus mit der Säge. Nur, was passiert, wenn du das tust? Wenn du einen Baum hernimmst, zum Beispiel einen Nussbaum, und du schneidest einen Ast ab, dann passiert eine Wundheilung, also der Baum kann die Wunde wieder schließen. Die Rebe kann, wenn das Holz älter als drei Jahre ist, die Wunde nicht mehr schließen. 

Das heißt also, wenn ich mir jetzt den Daumen wegschneiden würde, was passiert dann? Das fängt dann an zu vertrocknen und dann vertrocknen irgendwann die ganzen Saftbahnen, das hört ja nicht auf. Irgendwann ist dann deine ganze Hand vertrocknet. Dann hat der Stock auch keine Leistung mehr, er wird stressanfälliger und der Ertrag wird auch immer weniger. Ist halt alles nicht so leiwand dann.

8gb: Mittlerweile praktiziert ihr ja schon seit zehn Jahren den sanften Rebschnitt, merkst du da einen Unterschied in der Langlebigkeit und Gesundheit der Reben?

Claus: Naja, eine Rebe kann ja, wenn man es richtig macht, 50-70 Jahre alt werden, da sind zehn Jahre nur ein kleiner Ausschnitt. Was wir gesehen haben, unabhängig davon, ob es ein kühles, spätes, heißes oder trockenes Jahr war, die Erträge sind super konstant. Wenn ich mir jetzt zum Beispiel die Daten von einem Weingarten ansehe, da schwanken die Erträge nur zwischen fünf und zehn Prozent. Wo wir früher viel mehr Schwankung und Diversität im Ertrag hatten. Wenn man das System also mal etabliert hat, ist es irrsinnig stabil. Du kannst davon ausgehen, dass, wenn du mehrere Jahre dokumentierst, du ungefähr weißt, was du jedes Jahr in einem Weingarten ernten wirst. 

Das richtige Timing

Wie bei so vielen Schritten im Weinbau kommt es auch beim Rebschnitt auf’s richtige Timing an. Nach der Lese lässt man die Weingärten üblicherweise für ein paar Monate in Ruhe, verarbeitet die Trauben und Weine im Keller und wartet darauf, bis die Rebe den Jahrgang abgeschlossen und alle Säfte zurückgezogen hat. Wann genau kann man mit dem Rebschnitt starten, Claus?

Claus: Die Rebe, auch wenn die Blätter schon weg sind, hat eine Rückverlagerung der Reservestoffe ins alte Holz, die muss man abwarten. Für mich ist da der Jahreswechsel oft der richtige Zeitpunkt, um mit dem Rebschnitt zu starten. Entscheidend ist aber eher, dass es einmal richtig abgefroren hat. Das heißt, du brauchst so zwei Nächte mit -5 bis -6 Grad, dass quasi die Reben dann richtig abgeschlossen haben mit der Rückversorgung und dann kannst du zum Schneiden beginnen. Theoretisch kann man auch direkt nach der Ernte mit dem Rebschnitt loslegen, das ist aber nicht gerade cool für die Rebe. Also ich glaube die Reben sollte man schon auch eine gewisse Zeit lang in Ruhe lassen, dass sie sich auch erholt. Die ist eine Zeit lang auch froh, dass sie keinen sieht von uns. 

8gb: Bis wann probierst du den Rebschnitt abzuschließen?

Claus: Also wir sind immer sehr spät dran, weil wir in der Zeit ja auch Pet Nats degorgieren, und wir sind generell ein Betrieb, der eigentlich nie fertig wird mit der Arbeit. Aber ich geh lieber mit kurzem T Shirt schneiden als jetzt im Winter, wenn der Wind hier im Burgenland so pfeift. Im Frühjahr ist das kein Problem, du musst dann halt nur schauen, dass du die neuen Knospen durch die Arbeit nicht verletzt. Theoretisch kann man das auch im April noch machen, man muss also nicht im Februar fertig sein. Sobald die Knospen dann richtig weich werden, bricht das auch sehr leicht ab und man verletzt die Knospen, das sollte man vermeiden. Die ideale Phase für den Rebschnitt ist also von ca. Ende Jänner bis März. 

Fragst du dich gerade, was der Rebschnitt mit den Pet Nats zu tun hat?
Eigentlich nichts außer, dass der Zeitpunkt von beidem oft aufeinander trifft. Pet Nats werden oft im Winter degorgiert, weil durch die kältere Außentemperatur das Degorgieren um einiges erleichtert wird.

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So sieht der Stock dann nach dem Rebschnitt aus. Next step? Den Strecker nach unten binden.

3 Fragen an Claus

8gb: Wie groß ist dein Team für den Rebschnitt? 

Claus: Das machen meine sechs permanenten Mitarbeiter*innen für den Außenbereich, die drei Jungs aus dem Keller und ich, zehn Leute also. Wir machen jedes Jahr einen Aufwärm-Schulungstag mit den Preparatori Uva, der Firma, die den sanften Rebschnitt lehrt. Die kommen für einen Tag und schneiden mit uns, um das Wissen wieder aufzufrischen und dann …  “gehma schneiden”! Aber wie gesagt wir sind trotzdem “Schön-Wetter-Schneider”, weil wenn das Wetter schlecht ist, haben wir mit den Pet Nats und so auch genug zu tun. 

8gb: Womit werden die Reben eigentlich geschnitten? 

Claus: Wir schneiden alles händisch, also nicht mit einer Elektroschere sondern mit einem Zwicker (der burgenländische Begriff für Gartenschere). Der sanfte Rebschnitt beruht ja darauf, dass du nur kleine Schnitte setzt. Mit der elektrischen Schere neigt man dazu, alles wegzuschneiden, weil es ja eh leicht geht. So arbeitet man bewusster, weil jeder große Schnitt, den du mit einem normalen Zwicker machst, sehr anstrengend ist, da tut dir ja irgendwann die Hand weh. 

8gb: Was steht im Hause Preisinger nach dem Rebschnitt an? 

Claus: Wenn man fertig ist, muss man das ganze alte Rebholz aus der Drahtanlage rausziehen. Das wird dann gehäckselt oder in den Weingarten ausgebracht. Dann muss man ausbessern, also Drahtrahmen sanieren und binden, und dann musst du im Guyot System den Strecker anbinden (eines der Erziehungssysteme, im Burgenland wird auch noch das Cordon System oft verwendet). Das ist auch nochmals ein ganzer Arbeitsschritt. Da bist du natürlich dann viel schneller, obwohl man auch aufpassen muss, dass nichts abbricht. Der Blaufränkisch, zum Beispiel, ist da irrsinnig anfällig. Deswegen ist beim Blaufränkisch am besten, wenn man nach dem Regen anbinden geht. Da ist das Holz viel saftiger. Ja und dann bist du eh schon so weit, dass du auf den Austrieb wartest. Dann kann man schon mit dem Ausbrechen starten. Also zum Beispiel bei den Burgundersorten hat man ja viele Doppeltriebe, das heißt, dass aus einem Auge zwei oder drei Triebe rauskommen. Dann muss man die seitlichen wegbrechen und da bist dann eh schon eingeteilt. 

Danke für das leiwande Gespräch und die vielen Infos, Claus! Wir sind scho gespannt was der Jahrgang 2022 so bringen wird.

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Von Anna Lindenberger in Naturwein 101, gepostet am 13.02.2022